Heute vor elf Jahren ist mein Vater gestorben. Ich kann es kaum fassen, dass seitdem schon elf Jahre ins Land gegangen sind. Elf ereignisreiche und doch auch zugleich ereignisarme Jahre. Mit zunehmendem Alter fällt mir immer wieder auf, dass die Zeit viel schneller vergeht als in meiner Jugend. Das hat nicht nur etwas mit dem Alter zu tun, sondern auch mit der immer schneller werdenden sozialen, politischen, wirtschaftlichen Entwicklung - ich erwähne stellvertretend mal das Internet. Innehalten, In-sich-hineinhören, seinen aktuellen Standpunkt hinterfragen kann man heute doch fast nur noch, wenn man es sich in den Terminkalender schreibt, weil man sonst Gefahr läuft, sich selbst zu verlieren - sofern man überhaupt noch so viel Bezug zur eigenen Persönlichkeit hat.
Ereignisreich sind die letzten elf Jahre für mich vor allem durch das zentrale und Kräfte zehrende Thema
Arbeitslosigkeit, meine vielen Gedanken dazu, mein ständiges Bemühen um den Wiedereinstieg ins Berufsleben, die Einführung der zynischen und Menschen verachtenden Hartz-Gesetze, der sich ständig verschärfende soziale und wirtschaftliche Druck auf Langzeitarbeitslose und die dadurch beabsichtigte Entfernung aus dem sozialen Leben. Ereignisarm durch die immer wiederkehrenden Misserfolge.
Elf Jahre, die für mich gefühlte Monate sind, die nicht einmal ein Jahr erreichen. Nicht nur erdgeschichtlich ein sehr kleiner Zeitraum. Und mal weitere elf "kurze" Jahre weiter gedacht: Wie sieht die Welt und unser Leben dann aus? Passe ich mit 70 überhaupt noch hier hin? Oder passe ich dann besser in diese Welt als heute? Fragen, die ich heute nicht beantworten kann. Die Antworten gibt es in elf Jahren.
Leider war und ist es in meiner biologischen Familie bis heute nicht möglich, sich über solche und andere für den Einzelnen wichtige Fragen auszutauschen. So weiß ich im Grunde nur, dass heute vor elf Jahren mein
Vater gestorben ist. Ich weiß aber nicht, was für ein
Mensch mein Vater denn nun war. Vor denselben Fragen werde ich beim Tod meiner Mutter und meiner Geschwister stehen.
Durch Oberflächlichkeiten und Nebensächlichkeiten (die es zweifelsohne auch gibt und geben muss [aber nicht ausschließlich]) kann
ich keinen Menschen in seinen Gefühlen und Gedanken kennen lernen. Das geht nur durch tief greifenden Austausch in allen Bereichen des Menschseins. Insofern erinnert mich der elfte Todestag meines Vaters daran, nicht nur den ständigen Austausch mit mir wichtigen Menschen zu suchen und zu pflegen, sondern auch den ständigen Kontakt mit mir selbst. Dazu gehört der Wille und die Fähigkeit, auch in hektischen und schnelllebigen Zeiten immer wieder inne zu halten.