Freitag, 8. August 2008

Arbeitsbedingungen unter Tage

Der Besuch im Nationalen Grubenmuseum in Rumelange (Luxemburg) war für mich sehr spannend und ebenso informativ. Diese Grube bestand von etwa 1870 und wurde 1963 geschlossen und anschließend zum Museum umgestaltet.

In der Anfangszeit gab es dort noch den Zwölfstundentag. Die Arbeiter wurden ausschließlich für das Ergebnis ihrer Arbeit bezahlt – also nur für das abgebaute Erz, das per Hand in die Loren geladen und von drei Arbeitern mit Muskelkraft aus dem Berg heraus geschoben wurde. Das Einfahren in den Berg wurde genauso wenig bezahlt wie das Herausschieben der Loren. Auch das mühsame Abstützen der gesprengten Stollen und der Transport des dafür benötigten Holzes wurde nicht bezahlt.

Das änderte sich erst mit dem Erstarken der Arbeiterbewegung und der Gewerkschaften in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts: Der Achtstundentag wurde eingeführt. Viele bisher unbezahlten Arbeiten wurden jetzt auch in den Lohn mit einbezogen wie das Einfahren in die Grube, das Abstützen der Stollen, die Arbeit der Kinder, die die Pferde am Zügel geführt haben. Die Pferde zogen sehr lange die vollen Loren aus den Stollen, bevor sie später von Maschinen abgelöst wurden.

Durch die vielen zusätzlich bezahlten Arbeiten kam es zur Spezialisierung der Arbeiter auf bestimmte Tätigkeiten. So wurden die Stollen von polnischen Bergarbeitern abgestützt, die über mehr Erfahrungen im Abstützen von Stollen verfügten.

Die Arbeiter wohnten in Siedlungen in der unmittelbaren Nachbarschaft der Grube in ärmlichen Verhältnissen. Geheizt wurde mit Holz. Die Arbeiter durften täglich ein Stück Holz, das aus den Abfällen der zum Abstützen der Stollen verwendeten Stämme war, von einer bestimmten Länge mit nach Hause nehmen, das in Zentimetern bemessen war. Da die Arbeiter keine Zollstöcke mitführten, maßen sie ihr Holzstück mit den Fingern ab. Beim Verlassen der Grube wurde das Holzstück genau vermessen. Und wessen Holzstück zu lang war, der bekam es abgenommen und die Familie musste in dieser Nacht frieren.

Auch die Technik hat sich in diesen etwa 90 Jahren stark verändert. Viele der Arbeiten, die in den frühen Jahren mit menschlicher Muskelkraft getan wurden, wurden in späteren Jahren automatisiert. Dennoch finde ich, dass die Arbeit unter Tage – acht Stunden ohne Tageslicht unter einer Gesteinsschicht von mehreren hundert Metern – in seelischer, körperlicher und geistiger Hinsicht sehr anstrengend und sehr anspruchsvoll ist. Auch die zunehmende Modernisierung ändert daran nichts. So gab es in dieser Grube etwa 60 Tote zu beklagen, der jüngste gerade mal 12 Jahre jung. In diesem Alter waren die Kinder, die die Pferde gezogen haben. Dieses Alter war das Mindestalter und wurde aufgrund der Körperlichkeit geschätzt – so konnte es vorkommen, dass ein 16jähriger nicht eingestellt wurde, jedoch ein 10jähriger, weil er älter wirkte.

Die Führung dauert ca. eine Stunde. Unsere dauerte glücklicherweise über zwei Stunden. Das lag vor allem an unserem Führer Jérôme, einem Lehrerstudenten. Er hatte all sein Wissen von seinem jetzt 83-jährigen Großvater, der mehrere Jahre in dieser Grube gearbeitet hat. Leider konnten wir keinen Kaffee mehr zusammen mit dem Großvater trinken, obwohl er direkt an der Grube wohnte – er war zu dem Zeitpunkt „gerade mit seiner Freundin unterwegs“. Die erste Führung, die Jérôme mit seinem Großvater gemacht hat, dauerte fünf Stunden und füllte einen ganzen Block mit Notizen.

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