Montag, 19. Juni 2017

Wie verändert mich ehrenamtliche Arbeit mit älteren Menschen?


Spontan kommt die Gegenfrage: Verändert mich diese Arbeit überhaupt? Und ich antworte ebenso spontan mit einem klaren Ja. Ich habe es mit Menschen zu tun, die ausnahmslos alle den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit erlebt haben. Diese Menschen sind in aller einfachsten Verhältnissen aufgewachsen. Das Heute ist für sie im Vergleich zur Nachkriegszeit Luxus. Und zu diesem Luxus gehören auch Dinge, die für die meisten von uns heute selbstverständlich sind: eine Wohnung mit fließend kalt und warm Wasser, ein gefüllter Kühlschrank, Geschäfte mit einem Überangebot von Waren und Lebensmitteln, ein Auto, reisen können usw. Im Hinterkopf sind mir diese Tatsachen alle klar, aber sie von den älteren Menschen erzählt zu bekommen und ihre Mimik und Gestik mit zu bekommen - das lässt mich schon bewusster über mein Leben nachdenken. Selbst meine Abhängigkeit von staatlichen Leistungen ist immer noch mehr, als die Nachkriegsmenschen zur Verfügung hatten. Das ermahnt mich immer wieder an meine oft überhöhten Ansprüche und daran, bescheidener und zufriedener zu sein mit dem, was ich heute habe.

Die Nachkriegsgeneration musste bescheidene Mittel und sehr viel Kreativität einsetzen, um zu überleben und viele auch, um überhaupt wieder auf die Beine zu kommen. Diese Menschen erzählen viel über ihre Kriegs- und Nachkriegserfahrungen, weil diese wesentlichen Lebensinhalte in ihnen immer noch leben. Und es ist für mich - auch das muss ich mir immer wieder vor Augen halten - ein großes Geschenk, dass ich seit über 60 Jahren in Frieden leben darf.

Diese Menschen bestätigen mir immer wieder, wie ausgesprochen wichtig es ihnen ist, Erinnerungen wach zu rufen. Diese Erinnerungen sind nicht immer angenehm, aber diese Generation hat trotz Krieg und Nachkriegszeit auch sehr viel Schönes erlebt. Und dieses Wecken von Erinnerungen spreche ich bei ihnen offensichtlich gut an.

Der Umgang mit oft an Demenz erkrankten Menschen ist immer wieder eine Herausforderung an meine Empathie, meine Beobachtungsgabe und meine Kreativität. Im Grund ist das von allen Anforderungen an meine Arbeit mit diesen Menschen die größte und beständigste Herausforderung - eine Herausforderung, mit der ich mich auch literaturmäßig und im Gespräch mit anderen weiter entwickeln will und werde.

Die Fähigkeiten, die ich in dieser Arbeit erlerne, kommen mir auch in meinem Leben insgesamt zugute. Die älteren Menschen sind dankbar für mein Arbeiten mit ihnen, und ich bin ihnen dankbar für die Anregungen, die ich aus den Gesprächen und dem Umgang mit ihnen mitnehmen darf. Und diese gegenseitige Dankbarkeit behalten wir nicht für uns, sondern wir sprechen sie auch aus.

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