Dienstag, 10. Mai 2016

Ein wunderbares Vorlesebuch für Senioren


Genau genommen steckt in dem Titel des Vorlesebuchs der Begriff "Demenzkranke". Aus meiner ehrenamtlichen Tätigkeit im Lesekreis eines Altenheims ist mir nicht nachvollziehbar, warum ältere Menschen, die in Heimen wohnen, so oft als Demenzkranke bezeichnet werden. Ich erlebe beide als sehr aufnahmefähig und kommunikativ, wenn man da auch schon genau beobachten muss. Und ich erlebe die "Geschichten für Demenzkranke" immer wieder als sehr lebendig auch für Menschen jeden Alters ohne Demenz.

Ich bin davon überzeugt, dass Werner Siegert und Ingrid Schumacher in ihrem "Vorlesebuch für Demenzkranke / 45 Geschichten aus der Welt der Erinnerungen" diesen Begriff nicht negativ gemeint haben. Ansonsten würden ihre Geschichten bei "meinen" Oldies (und auch bei mir) nicht auf so viel Teilnahme und Erinnerungen treffen.

Jede der nicht länger als zwei Seiten langen Geschichten beginnt mit Fragen, die das Erinnerungsvermögen älter Menschen anspricht. So erlebe ich es immer wieder, dass bereits nach zwei/drei Sätzen meine Oldies ihre Erinnerungen erzählen. Und das ist auch so von den Autoren gewollt. Es soll nicht stur vorgelesen werden, sondern die Geschichten sind Anstöße für Erinnerungen, die auch sofort erzählt werden sollen. Ich bin beim Vorlesen dieser Geschichten immer wieder begeistert, wie "meine" Oldies direkt von ihrer Mimik her sagen "Das kommt mir doch bekannt vor" und zu erzählen anfangen. Diese Erzählungen und der Austausch darüber sind wesentlich schöner als nur Geschichten vorzulesen.

Aus dem Vorwort der Autoren:
"Andere Geschichten versuchen, mit Humor zu zünden oder mit der Schilderung äußerst bedeutsamer Ereignisse. Oft sind sie mit Erinnerungen an Notlagen verbunden, so wie unsere Eltern nie vergessen konnten, dass sie Kohlrüben und Trockenfisch essen und ekligen Lebertran schlucken mussten."
In ihren Empfehlungen für Vorleser schreiben die Autoren unter anderem:
"Lesen sie aber auch dann langsam und deutlich weiter, wenn keine Reaktion erfolgt. Allein das einfühlsame Vorlesen ist eine Art Therapie."
Und ich möchte gerne aus meinen Erfahrungen ergänzen:
Das einfühlsame Vorlesen gibt "meinen" Odlies Zufriedenheit und Dankbarkeit - Zufriedenheit und Dankbarkeit, die ich auch diesen Menschen gegenüber empfinde.

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