Mittwoch, 23. April 2014

Und morgen bin ich tot


Vielleicht bin ich ja tatsächlich schon tot, während Ihr diese Zeilen lest. Vielleicht habe ich letzte Nacht einen Herzinfarkt bekommen und konnte mir selbst nicht helfen, weil ich allein stehend bin. Ein Problem übrigens, das Alleinstehende grundsätzlich haben, wenn sie alleine in ihrer Wohnung sind. Oder ich habe mich gestern ruhig ins Bett gelegt und bin für immer eingeschlafen. Wenn ich jetzt noch lebe und mich wohl fühle, ist das keine Garantie dafür, dass ich nicht schon in einigen Stunden gar nicht mehr lebe.

Über den Tod mache ich mir verstärkt Gedanken, seitdem vor etwa anderthalb Jahren festgestellt worden ist, dass ich keinen niedrigen Blutdruck mehr habe, sondern Bluthochdruck. Glücklicherweise haben meine bisherigen Untersuchungen gezeigt, dass ich sehr gut eingestellt bin. Dass ich gerade jetzt darüber schreibe, hat zwei Gründe:

Gestern Abend habe ich im Fernsehen zuerst eine Dokumentation gesehen über Gerichtsmediziner, die dort über ihren Umgang mit dem Tod berichtet haben, über Menschen, die plötzlich gestorben sind. Alle diese Menschen dachten noch kurz vor ihrem Tod nicht ans Sterben. Und ihr täglicher Umgang mit dem Tod hat diese Gerichtsmediziner auch im Privatleben demütig gemacht - sie versuchen, so viel wie möglich vom Leben, von ihnen nahe stehenden Menschen, von ihren Tieren, von der Natur in ihre Seelen aufzunehmen. Und durch ihre berufliche Konfrontation mit dem plötzlichen Tod wissen sie auch besser als wir "Nur"-Lebenden um die hohe Wichtigkeit des Lebens und der Hochachtung vor ihm.

Im Anschluss daran habe ich ein Interview gesehen, in dem Margarethe Schreinemakers über ihren Herzstillstand im März 2009 und ihre Rückkehr ins Leben erzählte. Ihre riesige Freude am Leben strahlte (wahrscheinlich nicht nur) in der Sendung aus all ihren Poren und Worten. An ihren Herzstillstand hat sie keine Erinnerung. Das kann ich in gewisser Weise sehr gut nachempfinden, weil ich vor etwa einem halben Jahr in einem Laden an der Kasse zweimal kurz hintereinander in Ohnmacht gefallen bin und nicht die geringste Ahnung habe, wie lange ich ohnmächtig war. Wenn die Umstände - sehr schnelle Hilfe - nicht auf kurze Ohnmachten hinwiesen, so hätten sie auch einige Stunden gedauert haben können.

Ein Bekannter von mir aus der Schweiz hat mir zum Thema Tod mal hier in einem Kommentar geschrieben, er hätte vor dem Tod keine Angst, weil er das Gefühl kenne, im Koma zu liegen.

Wenn ich auf mein bisheriges Lebens zurück blicke, denke ich vor allem im Hinblick auf die letzten zwanzig Jahre, dass ich sehr viel versäumt habe und oft nicht imstande war - aus welchen Gründen auch immer -, mein Leben sinnvoller zu gestalten. Ich bin da sehr gespalten, weil ich seit Jahren Ausgrenzung in vielfältiger Form an meiner Seele spüre und mich zugleich an sehr viele schöne Zeiten und wertvolle Menschen in meinem Leben erinnere. Es klingt wie der Spruch "Früher war alles besser". Für mich ist das kein Spruch, sondern gelebte Lebenserfahrung. Und wenn ich all die großen und kleinen Kriege in dieser Welt sehe - sowohl die Kriege gegen die Körper der Menschen wie auch der Kriege gegen ihre Seelen -, so macht mich das auch nicht gerade zuversichtlicher.

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