Freitag, 1. Juni 2012

Was hat das Private im Öffentlichen zu suchen?


Mein Gedankenbuch ist geprägt von meinen persönlichen Erfahrungen, persönlichen Gedanken und persönlichen Gefühlen. Aber sie sind nicht abgehoben und fern von unserer Wirklichkeit, wie ich sie zeit meines Lebens wahrnehme, verarbeite und weiter gebe. Sie gehören zwar zu mir und sind in mir, aber sie wären mit Sicherheit andere, wäre ich nicht 1950 geboren, wäre ich nicht in meiner Familie aufgewachsen, hätte ich nicht bestimmte Schulen besucht, wäre ich kein Kind der 68er und hätte ich andere Arbeitgeber gehabt. Und selbst mal angenommen, es gäbe einen Menschen mit den absolut selben Erfahrungen - dieser Mensch würde sie dennoch anders empfinden im Sinne von seinen privaten und persönlichen Erfahrungen, Gedanken und in Worten gefassten Gefühlen.

Bei mir kommt hinzu, dass ich schon früh auch öffentlich gearbeitet und mich immer bemüht habe, meine Worte mit meinen Taten überein stimmen zu lassen. Aus meinem Herzen habe ich nie eine Mördergrube gemacht. Das hat mir zwar auch Nachteile gebracht - vor allem beruflich, aber im zwischenmenschlichen Bereich unterschieden sich sehr schnell und klar die unechten von den echten Freunden. Und für mich war es schon immer selbstverständlich, aber nicht immer leicht, zu meinen Worten auch öffentlich zu stehen.

In diesem Zusammenhang stellt sich zwangsläufig auch die Frage: Wodurch unterscheidet sich das Private vom Persönlichen? Ganz klar lässt es sich meines Erachtens nicht voneinander abgrenzen. Vielmehr sind die Übergänge oft fließend.

Aus diesen Gründen ist mein Gedankenbuch nicht nur sehr persönlich bzw. sehr privat, sondern auch sehr öffentlich. Es gibt auch in mir "Bereiche", über die ich bisher nicht geschrieben habe und möglicherweise auch nie schreiben werde. Doch was ich schreibe, schreibe ich sehr bewusst, weil ich davon überzeugt bin, dass ich mir dadurch nicht schaden kann. Es gibt gefährliche "Schädlinge", von denen auch die Menschen direkt betroffen sind, die kein Internet nutzen.

Vor kurzem schrieb mir ein Blogger:
". . . warum soll Dich jemand lesen, der Dich nicht kennt, vor allen Dingen da Du viel aus Deinen Privateindrücken schreibst."
Auch wenn ich die Welt aus meiner Sicht erlebe, fühle und über sie aus persönlicher Sicht schreibe, so bin ich doch davon überzeugt, dass ich nicht allzu einzigartig bin, sondern manch ein Leser sich in meinen Worten wieder findet oder gespiegelt sieht. Und das Sich-wieder-finden im Anderen ist eine wesentliche Grundlage für jeden Erfahrungs- und Gedankenaustausch.

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