Samstag, 26. Mai 2012

Unterschiedliche Wahrnehmungen


Auf meinem Weg von der Bushaltestelle zum Bahnhof begegne ich immer wieder einem normal gekleideten Bettler, der so gut wie immer auf dem Bürgersteig an einer Hauptverkehrskreuzung sitzt und ein Sammelbehältnis vor sich stehen hat. Er sitzt dort, spricht niemanden an und wartet einfach nur darauf, dass ihm jemand etwas spendet. Geld sehe ich in seinem Behältnis nur sehr wenig. Und wenn ich nach etwa vier Stunden von meinem Spaziergang bzw. Stadtbummel zurück komme, sitzt er immer noch an derselben Stelle. Und ich schüttle innerlich mit dem Kopf und frage mich, wie ein Mensch so viel Eintönigkeit aushalten kann, zumal an dieser stark befahrenen Kreuzung noch der Verkehrslärm und die Autoabgase hinzu kommen. Doch für diesen Menschen ist seine Situation vermutlich - aus welchen Gründen auch immer - in Ordnung. Ich kann mich auch täuschen. Ich verurteile diesen Menschen nicht für sein Anderssein, weil ich es noch nie gekannt habe, anders denkende und anders fühlende Menschen zu verurteilen. Ein solches Denken und Fühlen sind mir absolut fremd.

Aus meiner Sicht bin ich aktiver als dieser Mensch und mache mehr aus meinem Leben - wie gesagt: aus meiner Sicht. Und so gibt es auch Menschen, die mich für passiv halten und nicht nachvollziehen können, dass ich mit meiner vielen Zeit "so wenig" anzufangen weiß. Das ist für mich so weit in Ordnung. In Ordnung finde ich es allerdings nicht, dass es darunter auch Leute gibt, die mich für mein Anderssein verurteilen und gar aus ihrem Leben ausgrenzen. Das finde ich dann nicht mehr in Ordnung. Wenn Menschen von mir Abstand nehmen - aus welchen für sie stimmigen Gründen auch immer -, dann ist das für mich in Ordnung und ich habe es zu akzeptieren.

Unser Leben ist so vielschichtig und erfordert daher auch ein hohes Maß an Verständnis, Wohlwollen und gegenseitige Rücksichtnahme. Ausnahmen mache ich jedoch bei Gewalttätern (auch denen, die andere psychisch quälen), Rechten und Leuten (ich spreche hier bewusst nicht von Menschen), die sich über andere stellen und solchen, die ihre Macht hemmungslos zum eigenen Vorteil nutzen. Und diese Ausnahmen lebe ich ganz konsequent.

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