Donnerstag, 13. Oktober 2011

Ist Familie ein öffentliches Tabuthema?


Schon seit ich mein Blog pflege, schreibe ich immer wieder über meine Familie und meine Probleme in dieser Familie. Über entspannende und freudige Erlebnisse in dieser meiner Familie kann ich kaum schreiben, weil mir solche Erlebnisse kaum bekannt sind bzw. von den schmerzhaften und unangenehmen Erfahrungen überlagert werden. Mir fällt es nicht schwer, über dieses Thema zu schreiben, weil Familie genau so gut zu mir gehört wie mein Berufsleben, meine Freizeit, mein Fotografieren, meine Liebe zur Natur und viele andere Themen. Umso überraschter bin ich, dass ich in all den Jahren in keinem Blog und in keinem sozialen Netzwerk gelesen habe, dass offen und ehrlich über die persönlichen Erfahrungen mit der eigenen Familie geschrieben wird. Und ich frage mich immer wieder ganz wertfrei Was ist an den eigenen familiären Erfahrungen so Geheimnisvolles, dass sie von der Öffentlichkeit fern gehalten werden? Warum wird die eigene Familie so tabuisiert, obwohl sie doch die erste und grundlegende Gruppe ist, die uns sozialisiert hat? Verstehen kann ich, wenn Kinder in ihren Familien (nicht nur) sexuell missbraucht worden sind. Diese Menschen tragen oft ein Leben am Missbrauch durch die Menschen, die ihnen doch im Grunde genommen am Nächsten hätten stehen sollen und von denen sie brutal missbraucht worden sind. Wie sollen diese Missbrauchten wieder Nähe und Vertrauen zulassen können? Doch es gibt auch die ganz alltäglichen Probleme in einer Familie, von denen jede(r) weiß und die dennoch verschwiegen werden. In meinen Augen ist es ganz und gar kein "Verrat" (um diesen Ausdruck hier zu verwenden) an der Familie, solche alltäglichen Themen offen auszusprechen und zu schildern.

Nach dem Schreiben des letzten Blogeintrags gab es ein solches Alltagsproblem mit meiner Mutter. Sie kann sehr gut kritisieren; doch wenn Kritik an ihr geäußert wird, zerstört sie jedes weitere Gespräch mit ihrem wütenden "Aber Du . . ." - und das schon mein Leben lang. In solch einer Situation kann ich nur das Gespräch beenden, indem ich das Telefongespräch abbreche oder mich bei einem Besuch sprachlos verabschiede und nach Hause fahre. Bis heute ist es mir nicht gelungen, ein erwachsenes Kind zu sein und das verletzende Verhalten meiner Mutter an mir abprallen zu lassen. Es mag für manche rücksichtslos klingen: Aber ich werde erst nach dem Tod meiner Mutter imstande sein, zu diesem Kind-Mutter-Wirrwarr Abstand zu gewinnen. Das sind keine angenehmen Aussichten. Aber es ist meine Wirklichkeit.

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