Freitag, 22. Juli 2011

Ehrenamt als Alternative zur Arbeitslosigkeit?

Ich habe mich zwanzig Jahre aktiv bemüht, wieder ein versicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis zu finden – leider ohne Erfolg. Die verletzendste Erfahrung war ein Arbeitsversprechen, das kaltschnäuzig gebrochen wurde. Diese Wunde ist bis heute nicht geheilt und die Heilung wird sicherlich noch eine ganze Weile auf sich warten lassen. Daraufhin habe ich den Versuch gemacht, bei einer Dienststelle der Stadt Solingen ehrenamtlich zu arbeiten. Nach drei Monaten musste ich feststellen, dass sich dieser Versuch als Selbstbetrug heraus gestellt hat. Im Grunde genommen wusste ich es von Anfang an. Meiner "Chefin" gegenüber habe ich meinen Rückzug wie folgt erklärt:

"Liebe Claudia,
zwanzig lange Jahre habe ich mit viel Engagement und Eigeninitiative darum gekämpft, beruflich wieder Fuß zu fassen. Und ich habe diesen Kampf auf der ganzen Linie verloren. Dabei sind mir sehr viele Energien verloren gegangen, die mir heute fehlen. Mein "Ehren"amt im Bereich Bookcrossing & Co. war der Versuch einer Alternative. Doch in dieser Alternative fühle ich mich nicht wohl, weil es für mich sowohl seelisch wie geistig unzumutbar ist, in einem Betrieb der Stadt Solingen zu arbeiten - einer Stadt, die Arbeitsplatzvernichtung betreibt und zu keiner Zeit bereit war, mich sozialversicherungspflichtig zu beschäftigen. Diese Stadt akzeptiert es aber gewissenlos, mich als arbeitslosen Menschen bei sich kostenlos arbeiten zu lassen. Damit unterstütze ich letztlich nur den Bestand meiner eigenen Arbeitslosigkeit.
Aus diesem Grunde beende ich ab sofort meine Tätigkeit im Bereich Bookcrossing & Co. und möchte zugleich ausdrücklich betonen, dass meine Entscheidung ganz und gar nichts mit Euch als Menschen und Kolleginnen und Kollegen zu tun hat.
Meine Tätigkeit als Vorlesepate bleibt davon unberührt, weil ich diese Tätigkeit im Grunde nicht als "Ehren"amt sehe, sondern ich mich freue, Kindern etwas geben zu können und von ihnen etwas "zurück" zu erhalten.
Lieben Gruß
Gerhard"

Für einen Langzeitarbeitslosen ist es keine Ehre, bei einem Unternehmen ohne Bezahlung zu arbeiten. Vielmehr sollte es für einen solchen Arbeitgeber eine "Ehre" sein, einen Arbeitslosen zu finden, der sich "freiwillig" ausnutzen lässt.

1 Kommentar:

  1. Ich glaube hier ist der Umstand des Ehrenamtes von Grund auf falsch aufgefasst wurden. Es geht weder darum, dass diese Stelle eine Ehre für den "Stellennehmer" noch eine für den "Stellengeber" sein soll. Es soll durch die Tätigkeit an die Ehre des Menschen appeliert werden, sich (und hier steckt der Wurm drin) für seine Mitmenschen und die Gesellschaft, abseits von Beschäftigung und Lohnarbeit einzubringen. Dieser Zustand darf jedoch nicht dazu führen, dass Planstellen gestrichen, gekürzt oder unbeantragt bleiben. Wir als soziale Einrichtung sind immer wieder froh wenn wir einsatzbereite (ältere) Mitmenschen dafür gewinnen können uns ihre Zeit zur Verfügung zu stellen. Und dieser Einsatz muss nicht dauerhaft sein. Wir haben Ehrenamtliche, die uns nur beistehen, wenn Ferien sind oder Feste. Persönlich finde ich es sehr schade, wenn Menschen abstand vom Ehrenamt nehmen, weil sie durch (und es ist oft der Fall) Kommunen enttäuscht wurden. Ich kann wirklich nur jedem raten, sich fern ab von staatlichen Trägern zu organisieren. Altenarbeit, Jugendarbeit, Kinderarbeit, Öffentlichkeitsarbeit. In unserer Stadt gibt es alte Dame, die jeden Tag die öffentlichen Wege in ihrem Wohnblock säubert. Auch sie betreibt Ehrenamt und wir haben ihr dabei geholfen, dieses auch als solchen anerkannt zu bekommen, wobei es uns rein um den Versicherungsstatus ging. Es muss eben nicht immer durch Institutionen vorgeschrieben werden, was man aus seiner Ehre heraus amtlich machen kann, darf und will.

    AntwortenLöschen