Freitag, 27. Mai 2011

Die Erfahrungen des Alters


Auch wenn das biologische Alter nicht grundsätzlich ein Zeichen von Weisheit ist, so gibt es in meinem Leben mindestens einen Menschen, an dessen Erfahrungsschatz ich sehr gerne teilgenommen hätte: Ich spreche von meinem Opa mütterlicherseits, der leider viel zu früh gestorben ist, ich war gerade fünf Jahre jung. In Erinnerung habe ich ihn als einen Menschen mit rauer Schale und weichem Kern. Zwar habe meinen Opa nicht bewusst erlebt, aber seine Spuren hat er glücklicherweise in mir hinterlassen.

Es war zeitlebens einer meiner Wünsche, einen vertrauensvollen und vertrauenswürdigen Menschen an meiner Seite zu wissen und zu spüren, der wenigstens eine Generation älter ist als ich. Einen Menschen an meiner Seite, der sein Leben bewusst und mit allen Sinnen lebt, der auch mich als jungen Menschen ernst nimmt und der sich mit mir auf Augenhöhe auszutauschen vermag. Wir hatten schon immer eine sehr kleine Verwandtschaft und somit war "meine Auswahl" (um es mal so zu benennen) äußerst begrenzt. Und es waren in der Regel Menschen, die mit einem eigensinnigen und selbständigen Kind nichts zu tun haben wollten oder konnten.

Ein weiterer Mensch, der meinem Wunsch entsprach, war ein früherer Klassenlehrer. Eine Klassenkonferenz hatte ihn mal beauftragt, meinen Eltern zu empfehlen, mich von der Schule zu nehmen. Jahre später habe ich auf Umwegen davon erfahren und von seiner Zivilcourage, meinen Eltern diesen Vorschlag nicht zu unterbreiten, weil ihm klar war, dass genau das falsch gewesen wäre und mir sehr geschadet hätte. Er war der einzige Lehrer, den ich geachtet habe, weil er auch seine Schüler geachtet hat. Er war absolut authentisch. Und damit hatte er sich meine menschliche Achtung verdient. Zudem war er auch fachlich ein ausgezeichneter Lehrer.

Heute bin ich in dem Alter, um jungen Menschen ein Freund und Begleiter auf Augenhöhe sein zu können. Doch eigene Kinder habe ich keine, frühere Kontakte sind aus diesem Grunde eingeschlafen und auch auf meinem sonstigen Lebensweg haben sich solche Kontakte nicht ergeben.

Geblieben ist mir zum Glück die Fähigkeit, mich (ich glaube) ziemlich gut, in junge Menschen hinein versetzen zu können.

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