Donnerstag, 30. Dezember 2010

Gespräch mit einem erblindeten Menschen


Bewusst benutze ich den Begriff erblindet und nicht blind, weil dieser Mensch (ich nenne ihn mal Dirk) die ersten fünfzig Jahre seines Lebens ein sehender Mensch war. Seine vollständige Erblindung kam nicht von heute auf morgen, aber sie trat unglücklicherweise an seinem 50. Geburtstag ein. Da er sehr offen mit seiner Erkrankung umgeht, habe ich sehr viele Informationen von ihm bekommen können über das Leben eines einstmals sehenden und jetzt erblindeten Menschen. Seine vollständige Erblindung hat sein und auch das Leben (mit) seiner Frau grundlegend und vollständig verändert. Für ihn war diese Veränderung "ganz hammerhart". Und auch seine Frau bestätigt, dass sich ihr Leben damit grundlegend verändert hat. Trotz seines harten Schicksalsschlags ist Dirk ein Mensch voller Lebensfreude und Energie. Er hat meine teilnehmenden Fragen offen und ehrlich beantwortet.

Eine Frage, die seine offensive Auseinandersetzung mit seiner Erkrankung zeigt, ist die folgende Frage: "Hätte ich statt meines Augenlichts lieber mein Gehör verloren?", die er sich mit einem klaren "Nein!" beantwortet. Der Verlust seines Gehörs - so Dirk - würde ihn der gehörten und gesprochenen Sprache und damit letztendlich seiner aktiven sozialen Teilnahme berauben. Mit dem Verlust seiner Sehfähigkeit seien seine Kontakte ganz und gar nicht zurück gegangen - vielmehr werde er täglich von Menschen angesprochen und könnte viele gute Gespräche führen.

Sein treuester und unabdingbarer Begleiter ist sein Blindenhund (ein Labrador). Was ein Blindenhund alles können muss, hat mich stark beeindruckt. Da ist erst mal zu erwähnen, dass seine Ausbildung äußerst konsequent war und Dirk sie gemeinsam mit seinem Hund absolviert hat. Sein Hund versteht 47 (in Worten: siebenundvierzig) Befehle. Das hat mich sehr stark beeindruckt. So versteht er beispielsweise "links", "rechts", "geradeaus". Will Dirk die Straße überqueren, so sagt er "Bord". Der Hund geht dann in Richtung des Bordsteins und bleibt dort stehen. Dirk hört dann, ob Autos kommen und befiehlt das Weitergehen. Das macht der Hund aber nur, wenn tatsächlich kein Auto kommt. Vor dem gegenüber liegenden Bordstein bleibt der Hund kurz stehen, so dass Dirk weiß, dass er ein Bein anheben muss, um auf den Bürgersteig zu kommen. Dort sagt er seinem Hund dann "links" oder "rechts" und der Hund geht mit ihm in diese Richtung.

Sein Hund kann aber noch ganz viel mehr: Falls Dirk mit ihm durch den Wald geht und auf Grund dieses Wetters ein schneebeladener Ast ihn gefährdet, bleibt der Hund stehen. Dirk würde dann mit seinem Blindenstock zuerst den Boden abtastet und wenn er dort nichts findet weiter nach oben gehen. Sein Hund lässt ihn erst dann weiter gehen, wenn er die Gefahr beseitigt hat.

Sein Hund - und ein Blindenhund überhaupt - muss sich im Dienst voll und ganz auf seinen blinden Menschen konzentrieren und sich durch Nichts und Niemanden ablenken lassen. So erzählte Dirk, dass vor ein paar Tagen - er wartete an einer Haltestelle - ganz in seiner und seines Hundes Nähe ein ohrenbetäubender Böller losgegangen ist. Er hat sich sehr erschreckt, doch sein Hund hat nicht einmal zusammen gezuckt.

Ich habe Dirk in einem Café kennen gelernt und die Bedienung gebeten, dem Hund eine Schale Wasser zu bringen, was Dirk abgelehnt hat. Er wäre anschließend noch eine Weile mit dem Hund unterwegs. Und wenn sein Hund jetzt trinken würde, hätte er anschließend zu viel Druck auf seiner Blase und müsste sie entleeren. Das dürfe aber nicht sein, weil damit seine Konzentration auf Dirk verschwunden wäre. Auch daran muss man bei einem Blindenhund denken.

Er kann seinem Hund befehlen, irgendwo liegen zu bleiben und auf ihn zu warten. Der Hund bleibt dann dort liegen, lässt sich überhaupt nicht ablenken und wartet solange, bis dass Dirk wieder bei ihm zurück ist. Ab und an macht er diese (wie er es nennt) Vertrauensübung am Hauptbahnhof. Hier sei angemerkt, dass zur Ausbildung eines Blindenhundes auch gehört, dass ihn ein- und durchfahrende Züge nicht erschrecken und er bei seinem Menschen bleibt. Er befiehlt seinem Hund, auf dem Bahnsteig liegen zu bleiben. Die Menschen auf dem Bahnsteig informiert er entsprechend. Dann geht er eine Runde durchs Bahnhofsgebäude und kommt nach einer gewissen Zeit wieder zurück zu seinem Hund, der noch genau an der Stelle liegt, an der er ihm befohlen hat, auf ihn zu warten.

Mir war aufgefallen, dass er im Café immer wusste, wo sein Hund gerade war. Auf meine Frage zeigte er mir am Halsband seines Hundes zwei kleine Glöckchen. Mir war das leise Gebimmel dieser Glöckchen überhaupt nicht aufgefallen. Doch durch seine Erblindung hat sich sein Gehör sehr verfeinert.

In seinem Erstberuf ist er gelernter Fotograf. Und ich war schlichtweg erstaunt, von ihm zu hören, dass er immer noch fotografiert. Er fotografiert nach Gehör. Dabei ist die digitale Technik für ihn schon eine große Hilfe.

Für 2011 hat er sich etwas ganz Tolles vorgenommen: Er will zusammen mit seinem Hund eine Zusatzausbildung machen, die es ihm ermöglicht, in Kindergärten und Schulen die Kinder zu befähigen, einen natürlichen Umgang mit blinden Menschen zu lernen. Um auch das für Kinder so wichtige spielerische Element einzubringen, bringt er seinem Hund zur Zeit einige Tricks bei. So hat er mir gezeigt, wie sein Hund auf Kommando seitwärts über den waagerecht gehaltenen Blindenstock springt - mit allen vier Beinen zugleich in den Luft und seitwärts über den Blindenstock. Es sah einfach lustig aus.

Bei dieser Gelegenheit konnte ich einen alten Wunsch erfüllen und erfahren und spüren, wie es sich anfühlt, auf einen Blindenstock angewiesen zu sein. Mit geschlossenen Augen bin ich mit Hilfe des Blindenstocks einige Meter durch das Café gegangen. Nach einigen Metern spürte ich meine Unsicherheit und habe die Augen wieder geöffnet. Dirk konnte meine Unsicherheit sehr gut nachempfinden, weil es für ihn nach seiner vollständigen Erblindung auch eine einschneidende Erfahrung war, dass er sich nicht mehr auf seine Augen verlassen konnte, sondern für den Rest seines Lebens auch stark auf die Hilfe des Blindenstocks angewiesen ist.

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