Mittwoch, 3. November 2010

Ein reiches Leben


Im Editorial der Zeitschrift stern Nr. 44/2010 schreibt der Chefredakteur Thomas Osterkorn unter anderem:
Helmut und Loki Schmidt haben vorgelebt, was viele sich zwar wünschen, aber oft leider nicht hinbekommen: miteinander durch Höhen und Tiefen zu gehen, ohne Zuneigung füreinander und Respekt voreinander zu verlieren.
Was für ein reiches Leben!

Diese Worte sprechen mich nicht nur an, sie gehen mir unter die Haut, weil ich mir genau ein solch reiches Leben wünsche. Diese Worte sind so leicht ausgesprochen und doch so schwierig zu leben. Nun müsste ich im Grunde genommen wissen, wie sich ein solch reiches Leben lebt, weil ich diese Zuneigung füreinander und diesen Respekt voreinander weit über zehn Jahre leben durfte - und doch hat es für eine dauerhafte Beziehung nicht gereicht aus verschiedenen Gründen. Als den wichtigsten Auslöser des Scheiterns dieser Beziehung (und der allein ist schon sehr komplex) sehe ich den Umgang mit meiner jahrelangen Arbeitslosigkeit. Obwohl wir nach drei Jahren unfreiwilliger "Pause" erneut versucht haben, unsere Beziehung auf eine solide Grundlage zu stellen, ist dieser Versuch gescheitert.

Und warum kann ich ein solch reiches Leben nicht leben, obwohl ich es schon einmal gelebt habe? Auch die Antworten sind viel zu komplex, als dass einzelne Erklärungsansätze die Ursachen erklären würden. Da ist mein langes Alleinsein und die "Gewohnheit", mein Leben allein auf mich gestellt managen zu müssen. Und obwohl ich sehr gerne von dieser Gewohnheit loslassen würde, stelle ich immer wieder fest, wie schwer mir das oft fällt. Da spielt dann auch meine durch die unverschuldete lange Arbeitslosigkeit verursachte Finanznot eine erhebliche Rolle, die es mir nahezu unmöglich macht, am sozialen Leben teilzunehmen.

Dennoch! - So wie ich trotz meiner langjährigen Arbeitslosigkeit noch nicht aufgegeben habe, wieder einen Einstieg ins sozialversicherungspflichtige Berufsleben zu finden, so habe ich auch im zwischenmenschlichen Bereich noch nicht aufgegeben. (Das wird wohl erst der Fall sein, wenn ich im Sterben liege.) Bei meiner Arbeitssuche bin ich auf die Gunst der Arbeitgeber angewiesen; im zwischenmenschlichen Bereich jedoch werde ich auch weiterhin an mir arbeiten. Diese Arbeit wird aus meiner Sicht ohnehin nicht enden, weil das Leben ein Haus ist, an dem es immer etwas auszubessern, umzuräumen, zu reparieren, abzubauen, aufzubauen gibt, sofern man mit offenen Augen durch dieses Haus geht. Vorrangig sind dabei für mich aktuell weniger die materiellen als vielmehr die immateriellen Werte eines Hauses, nämlich meine Mitbewohner und Mitbewohnerinnen, mit denen ich offen und ehrlich umgehen will und muss. Immerhin wirkt es ziemlich unglaubwürdig, wenn ich Offenheit und Ehrlichkeit fordere und sie dann selbst nicht lebe.

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