Donnerstag, 30. September 2010

Menschenwürde und Hartz IV


Die aktuelle Debatte um Hartz IV ist geprägt von zwei Grundsätzen: Von der rein kaufmännischen Betrachtungsweise und somit von der Trickserei mit und der Manipulation von Zahlen. Und von einer Medienhetze gegen uns von Hartz IV Betroffenen, weil es uns angeblich viel besser geht als den Armen in anderen europäischen Ländern und weil viele Beschäftigte in diesem "unseren" Land nicht viel Mehr verdienen als Hartz IV.

Aber hinter diesen Grundsätzen wird ein sehr wichtiger Gesichtspunkt (absichtlich?) außer Acht gelassen: Es geht letztlich um menschliche Schicksale, menschliche Würde, Mitmenschlichkeit und ein friedliches Miteinander. Nun lässt sich Menschenwürde nicht einheitlich auf jeden Menschen anwenden. Darum möchte ich einige Punkte anführen, in denen ich mich in meiner menschlichen Würde verletzt fühle und sehen muss, wie ich mit diesen täglichen Verletzungen umgehen kann:
  • Seit Januar 1990 bin ich arbeitslos, davon die letzten fünf Jahre ununterbrochen. Diesen ganzen Zeitraum über habe ich mich intensiv und initiativ um meinen Wiedereinstieg ins Berufsleben bemüht/gekämpft. Das können sowohl Arbeitsagentur wie Arge Solingen bestätigen. Die Misserfolge sind eindeutig den Arbeitgebern an zulasten, denen an einem fähigen und kompetenten Mitarbeiter nicht gelegen ist.
  • Die tägliche Tasse Kaffee kann ich mir mittlerweile nicht mehr leisten. Und es hat mich immer geschmerzt zu erleben, dass andere Menschen sich eine weitere Tasse und ein Stück Kuchen leisten können, und ich mich über zwei Stunden an einer Tasse Kaffee "festhalten" muss.
  • Kultur ist schon seit vielen Jahren nicht mehr möglich. Bis auf ganz wenige Ausnahmen liegen die Preise für mich jenseits von Gut und Böse.
  • Auch ich als Langzeitarbeitsloser brauche hin und wieder einen Erholungsurlaub. Wer allen Ernstes glauben sollte, Langzeitarbeitslosigkeit sei dasselbe wie Urlaub, ist entweder dumm oder zynisch. Urlaub - ich habe schon längst vergessen, wie sich dieses Wort überhaupt schreibt.
  • Soziale Kontakte sind in manchen Bereichen auch ohne Geld möglich. Aber mit anderen Menschen etwas unternehmen, ein Konzert besuchen, ein Besuch im Café, ein Urlaub (und sei es nur ein Kurzurlaub), Tagesausflüge, gemütlich Essen gehen, . . . sind nicht mehr möglich. Entweder ziehen sich die Menschen zurück oder es kommt erst gar nicht oder sehr eingeschränkt zu neuen Kontakten.
Dieses Schicksal habe ich mir wahrhaftig nicht freiwillig ausgesucht, sondern ich bin hinein geworfen worden und werde dort gehalten. Noch habe ich den Arbeitsvertrag für die mir versprochene Stelle nicht unterschrieben, und darum kann ich mich von meinen Ängsten nicht verabschieden. Zur Zeit sitze ich zwischen den Stühlen: Die Angst vor dauerhaftem Bezug von Hartz IV und damit Armut mit allen Folgen. Und die Hoffnung auf den neuen Arbeitsplatz, der mir erst einmal für zwei Jahre Einkommen und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben bringen würde.

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