Samstag, 3. Juli 2010

Spurlos verschwunden


Derzeit lese ich einen Krimi, in dem sich das spurlose Verschwinden von Menschen wie ein roter Faden durchzieht. Diese Menschen sind oft schon seit Jahrzehnten wie vom Erdboden verschluckt. Ich stelle mir das für die Angehörigen grausam vor. Und ich kann zwar gefühlsmäßig nicht in voller Tiefe nachvollziehen, was in diesen Angehörigen vorgeht, aber vom Kopf her - und teilweise schon auch vom Gefühl - kann ich mich in diese Menschen hinein versetzen.

In diesen Fällen kann ich sehr gut nachvollziehen, dass ein Loslassen vollkommen unmöglich ist, weil die verschwundenen Mitmenschen in den Köpfen und Seelen der ihnen nahe stehenden Menschen weiter leben. Und dieses Leben liegt im Nebel, ist nicht fassbar und auch nicht lebbar - und dennoch will es gelebt werden.

Wenn Menschen spurlos verschwinden, weil ein Verbrechen an ihnen begangen wurde, so ist es mir schon rätselhaft, warum sie nicht gefunden werden. Heißt es doch immer, das perfekte Verbrechen gäbe es nicht. Und doch scheint es das perfekte Verbrechen dennoch zu geben. Oder sind Staatsanwaltschaft und Polizei - aus welchen Gründen auch immer - in diesen Fällen hilflos?

Dann gibt es auch noch die Menschen, die aus eigenem Willen ihr jetziges Leben verlassen und nicht wieder gefunden werden wollen. Was musste alles geschehen, damit diese Menschen einen derart einschneidenden Entschluss fassen und ihn dauerhaft umsetzen? Was haben die ihnen nahe stehenden Menschen nicht gesehen und nicht gefühlt - oder nicht sehen und fühlen wollen? Trennen sich diese Menschen aus tiefer Trauer, tiefer Verzweiflung, absoluter Hoffnungslosigkeit aus ihrem bisherigen Leben? Oder welche Gründe, die sicherlich nicht so einfache sind, sondern sehr facettenreiche, sind so massiv ausschlaggebend?

Dieses spurlose Verschwinden ist ja weitaus mehr und tief greifender als ein vorüber gehender Rückzug, um mal wieder zu sich selbst zu kommen und seinen eigenen Standpunkt zu sich selber und zu seinen Mitmenschen kritisch zu überdenken. Mit einem vorüber gehenden Rückzug verabschiede ich mich nicht von meinem jetzigen Leben, sondern bleibe in ihm. Für mich kann ich mir einen derart dauerhaften Rückzug - der im Grunde ein Abschied ist - gar nicht vorstellen. Und das unabhängig davon, dass ich gar nicht wüsste, wie ich einen derartigen Abschied (mein spurloses Verschwinden) überhaupt umsetzen könnte.

Ich bin davon überzeugt, dass jeder von uns fast täglich Menschen begegnet, die sich hin und wieder für sich selbst mit dem Gedanken des spurlosen Verschwindens befasst haben oder befassen.

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