Montag, 21. September 2009

Alphabetisierung der Gefühle

Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir – kaum eine Aussage ist so inhaltsleer wie diese. Ich kenne kaum einen Menschen, der in der Schule etwas fürs Leben – für den tagtäglichen Alltag und oftmals Überlebenskampf – gelernt hat. Und warum wird Lernen mit der Schule verbunden? Lernen wir nicht schon mit dem Augenblick der Geburt?

Darum finde ich es äußerst wichtig, Grundlagen für ein zwischenmenschlich möglichst konfliktfreies und konfliktfähiges Miteinander zu schaffen. Dazu gehören, dass man bereits bei kleinen Jungen und Mädchen wie bei deren Eltern für eine Alphabetisierung der Gefühle sorgt. Dabei lernen die Jungen und Mädchen schon im Kindergarten, Gesichtsausdrücke, Gesten, Mimik, Gemütszustände zu lesen und in Worte zu fassen. In Gruppen beobachten sie die Körpersprache von Babys und erfahren, wie ungemein wichtig Zuneigung, Zärtlichkeit und Wertschätzung für die Reifung eines Menschen sind. So sinkt dramatisch der Grad an Aggressivität bei den Kindern. Eine solche Früherziehung – wäre sie dann flächendeckend – könnte im Laufe der Zeit die Haftanstalten entvölkern.

In Kanada, Neuseeland und den USA laufen bereits solche Maßnahmen unter dem Namen Roots of Empathy sehr erfolgreich. Und da geht unsere Industriekanzlerin Angela Merkel hin und fordert mehr Polizei gegen Jugendgewalt. Auf den Gedanken, mehr Polizei gegen soziale Gewalt wie Hartz IV, Rentenabbau, Privatisierung des Gesundheitswesens, Abbau von Arbeitnehmerrechten & Co. zu fordern, kommt Frau Merkel erst gar nicht, weil einer der ersten Schritte in diese Richtung ihre eigene Verhaftung und eine Klage u.a. wegen Veruntreuung von Steuergeldern zur konsequenten Folge hätte.

Weder der Ruf nach Härte noch harte Strafen führen zum Erfolg, das beweisen schon allein unsere übervollen Haftanstalten. Wenn das Kind erst in den Brunnen gefallen ist, ist es nicht nur schwierig, es wieder aus dem Brunnen zu ziehen (wobei es sich weitere Verletzungen zuziehen kann), sondern nicht minder schwierig, es ohne Folgen wieder gesunden zu lassen. Wir dürfen nicht warten, bis dass der Fall in den Brunnen eintritt, sondern müssen weit im Vorfeld dafür sorgen, dass es gar nicht erst so weit kommt.

Noch ein anderes Vorbild möchte ich abschließend erwähnen: das skandinavische Jugendhilfe- und –strafrecht, wo man auf therapeutische Maßnahmen setzt, die den Jugendlichen die Chance bietet, ihren Reifeprozess systematisch wieder aufzunehmen und zu entwickeln.

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