Mittwoch, 3. Juni 2009

Nicht so laut denken


Ein Kollege in meiner letzten und mit dreizehn Monaten längsten Stelle bei einer großen gesetzlichen Krankenkasse hatte mir gegenüber oft den Spruch drauf "Du sollst doch nicht immer so laut denken, Gerhard!" Wir waren gleichaltrig und er wusste um meine Fähigkeiten des Hinterfragens und vernetzten Denkens - und um meine "Schwäche", meine Gedanken nicht für mich zu behalten und sie auszusprechen. Gedanken für mich zu behalten, war noch nie meine Sache, weil es jedermanns natürliches und angeborenes Recht ist, auch das auszusprechen, was er/sie denkt und sich darüber mit anderen auszutauschen.

Das war für mich schon immer eine Selbstverständlichkeit mit zum Teil schlechten Folgen:
>>>   Im Kindergarten wurde ich dafür mehrfach von den katholischen Schwestern in einen dunklen Treppenverschlag gesperrt.
>>>   In meiner Schul- und Jugendzeit wurde ich dafür anerkannt in Worten und Taten. Nicht ohne Grund war diese Zeit in vieler Hinsicht die schönste Zeit meines Lebens; doch haben sich die Zeiten nicht gerade zum Besseren gewandelt.
>>>   In meiner beruflichen Laufbahn habe leider immer wieder erfahren müssen, dass dort der Leitspruch herrscht "Schnauze halten, gehorchen und funktionieren!". Und weil ich ein denkender und sprechender Mensch und Mitarbeiter mit konstruktiver Denkweise war und bin, habe ich in einigen Fällen meine Arbeitsstelle gewechselt und bin in anderen auf die Straße gesetzt worden. Es gab auch kurzfristige Ausnahmen, die leider aus verschiedenen Gründen nicht dauerhaft waren.

Über die Gründe, warum Arbeitgeber die Fähigkeiten selbständig denkender Mitarbeiter nicht zu würdigen wissen, möchte ich an dieser Stelle nicht schreiben.

Obwohl ich mir vor Beginn der einleitend genannten Stelle fest vorgenommen hatte, dumm und gehorsam meine Tätigkeiten zu verrichten und erst nach Feierabend wieder ich selbst zu sein, ist es mir nicht gelungen. Ich habe es auch nicht anders erwartet. Die Aussage von Menschen, sie könnten konsequent zwischen Arbeit und Privat trennen und in beiden Bereichen (ganz) andere Menschen sein, habe ich noch nie glauben und schon gar nicht nachvollziehen können. Wer im Privaten ein aufmerksamer, fürsorglicher und einfühlsamer Mensch ist, kann im Beruflichen nicht der besser wissende, hochnäsige und autoritäre Vorgesetzte sein. Und wer im Beruf sich autoritär und menschen verachtend verhält, kann kein fürsorglicher und engagierter Ehemann und Vater sein.

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