Sonntag, 23. März 2008

Ungenutzte Möglichkeiten

Meine Familie hat mich schon sehr früh als "schwieriges Kind" abgestempelt, weil ich meinen eigenen Kopf und - nachdem dieser das bewusste Denken gelernt hatte - die Fähigkeit hatte, meine Gedanken in gesprochene Worte umzusetzen. Bis heute habe ich keine nachvollziehbare Antwort auf die Frage bekommen, warum meine Familie sich mir bis heute deshalb unterlegen fühlt und die Auseinandersetzung mit mir meidet. Ich bin meiner Familie mit meinen geistigen und sprachlichen Fähigkeiten sicherlich einige Schritte voraus. Aber sie hat es nie vermocht noch hatte sie je ein Interesse daran, von mir zu lernen. Das Gefühl von Unterlegenheit und die Angst, sich damit auseinander zu setzen, sind ihr auch heute noch wichtiger als das ernsthafte menschliche Interesse an mir.

Nur ein Beispiel: Als es darum ging, ob ich nach dem Abitur studieren oder eine Ausbildung in der Wirtschaft machen solle, hätte meine Mutter gerne eine Ausbildung in der Wirtschaft gesehen. Sie hat es aber nie für nötig gefunden, sich mit mir über das Für und Wider auszutauschen. Aus dem Abstand heraus betrachte ich meine damalige Entscheidung für ein Studium als Fehlentscheidung. Meine Mutter stiehlt sich bis heute mit dem vorgeschobenen Argument aus der Verantwortung, sie hätte mir ja meine eigenständige Entscheidung zugestehen wollen.

Auch meine letzten Arbeitgeber waren von ähnlicher Denkstruktur: Meine Fähigkeiten des vernetzten und über den Tellerrand-hinaus-Denkens und meinen Mut, meine Gedanken und Überlegungen auch auszusprechen (dazu gehört heutzutage wirklich Mut) wurden immer als betriebsschädigend betrachtet und mit Kündigung bestraft. Anstatt meine Fähigkeiten im Sinne des eigenen Unternehmens zu nutzen und einzusetzen - was ja mein Ziel war - behielt man lieber brave und oft unfähige Arbeitssoldaten.

Meine längste (befristete) Tätigkeit während der Zeit meiner langjährigen Versuche des dauerhaften Wiedereinstieg in den ersten Arbeitsmarkt habe ich bei einer der größten deutschen Krankenkassen gearbeitet - einer Krankenkasse, bei der der Mensch und Mitarbeiter auf dem Papier das wichtigste Kapital war. Hier durfte ich lange Zeit mit dem Spruch leben Gerhard, Du sollst doch nicht immer so laut denken - unwidersprochen von Kollegen und Vorgesetzten. Auch wenn dieser Spruch humorvoll gemeint war, es steckte doch schlussendlich die Aufforderung dahinter Sei ein funktionierender Arbeitssoldat und der Rest kommt von selbst.

Wenn die vielfältigen Fähigkeiten von Menschen nicht ehrlich anerkannt und im Austausch miteinander genutzt und gefördert werden, wird es weder im privaten noch im beruflichen Bereich ein zufriedenstellendes und für alle Beteiligten fruchtbares Miteinander geben.

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