Donnerstag, 20. März 2008

Jeder ist seines Glückes Schmied

- oder doch nicht so ganz? Es kommt auf den betreffenden Menschen an und seine Lebensumstände:

Ich kann vollkommen frei entscheiden, wann ich mir einen Tee aufsetze und ihn trinke, wann ich mir etwas koche und es esse und wann ich auf die Toilette gehe.
Ein im Altenheim lebender Mensch kann das nicht, weil er davon abhängig ist, wann das Pflegepersonal ihm hilft.

Es ist schon lange nicht mehr möglich - vielleicht mit Ausnahmen -, sich sein berufliches Glück selbst zu schmieden. Sowohl bei der Einstellung bin ich davon abhängig, ob mein berufliches Profil und meine Nase dem Arbeitgeber passen. Und in meinem Beruf kann ich auch nur sehr selten meinen Neigungen und Fähigkeiten entsprechend handeln und kreativ sein.

Ob ich gekündigt werde oder nicht, hängt auch nicht in erster Linie von mir ab, sondern ob ich mich dem Unternehmensdenken und -handeln unterordne. Der kreative und in Zusammenhängen denkende Mitarbeiter ist Geschichte.

Als ein vom Armutsprogramm Hartz IV Betroffener habe ich nicht die geringste Möglichkeit, mein Glück selbst zu schmieden, weil mir von der ARGE vorgegeben wird, was für mich Glück zu sein hat.

Selbst als mündiger Patient bin ich nicht meines Glückes Schmied, weil ich von der nach meinen Erfahrungen oft nicht vorhandenen menschlichen wie fachlichen Kompetenz von Ärzten abhängig bin, denen ihr Geldbeutel wichtiger ist als meine Gesundheit. Von dem maßlos übersteigerten Ansehen, das Ärzte genießen, will ich hier ganz schweigen.

Den Spruch Jeder ist seines Glückes Schmied höre ich oft von Menschen, denen mein Wohlergehen gleichgültig ist und von denen, die damit ihre eigene rücksichtslose Macht- und Geldgier verschleiern wollen.

Ich lebe nun einmal in zwischenmenschlichen, sozialen, politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten. Und ich kann mir nicht immer die Menschen aussuchen, die mich schätzen und denen ich mit Sympathie begegne.

Wir Menschen sind viel zu vielschichtig, um ganz für uns alleine in unserer Schmiede unser ganz privates Glück zu schmieden. Keinem älteren Menschen, keinem Kranken, keinem Armen, keinem Arbeitslosen und keinem von Schicksalsschlägen geprägten Menschen kann vorgeworfen werden, einzig und allein selbst für sein Schicksal verantwortlich zu sein.

In den Nachrichten wurde eben von einer 97jährigen Frau berichtet, die nach drei Monaten tot in ihrer Wohnung aufgefunden wurde. Es ist die soziale und politische Gleichgültigkeit und Kälte seinen Mitmenschen gegenüber und die Gier nach eigenem Vorteil, die viele Menschen in Einsamkeit und Verzweiflung drängt - und letztendlich vielleicht sogar in den Tod.

Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen schmeißen, sondern die Scheiben putzen und die Vorbeigehenden ruhig auch mal zu sich einladen.

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