Montag, 10. Dezember 2007

Gewerkschaftsseminar mit bitterem Nachgeschmack

Von einem viertägigen Seminar der Gewerkschaft ver.di zum Thema Zukunftslabor – Zukunft der sozialen Sicherungssysteme mit Teilnehmern aus den verschiedensten Berufen ist mir in einigen Punkten ein unangenehmer Nachgeschmack geblieben:

Da gibt es den Realisten. Diese Menschen verstehen darunter in der Regel nichts Anderes als ein Sich-Abfinden mit den augenblicklichen Zuständen, die nicht intensiv hinterfragt werden. Als Beispiel möchte ich die Hartz-Gesetze erwähnen: Diese Gesetze werden als gegeben hingenommen. Die Forderung nach Abschaffung dieses Armuts-Programms kam nur von mir und stieß bei vielen auf Unverständnis.

In einem Rollenspiel war der Zusammenbruch unseres Sozialsystems im Jahr 20xx vorgegeben: Eine Billion Euro Staatsverschuldung, der Staat hat sich aus der Verantwortung zurückgezogen (was nebenbei bemerkt eine aktuelle Tatsache ist), 1,5 Millionen Pflegekräfte haben einen Generalstreik in der Pflege angekündigt und Arbeitslose und Rentner haben sich zu einem Bündnis zusammengeschlossen und demonstrieren bereits seit Tagen zu Millionen.

In dieser Situation sollten sich Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften auf eine Lösung verständigen:

Die Verhandlungssituation war bezeichnend und für die Gewerkschaften in hohem Maße beschämend. Die Arbeitgeber haben gefordert und die Gewerkschaften haben Lohn- und soziale Kürzungen "angeboten".

Die Ankündigung eines Generalstreiks der Pflegekräfte und die Tatsache von Millionen auf den Straßen wurden von den Gewerkschaften nicht als ihr Machtfaktor angesehen. Die Gewerkschaften haben sich sogar dazu herabgelassen, diese Menschen – in der Mehrzahl ihre eigenen Mitglieder – zu verhöhnen und ihnen die Verantwortung für die "chaotischen Zustände" zuzuschieben.

Es war zwar "nur" ein Rollenspiel. Aber diese Denk- und Verhaltensmuster von in der Regel aktiven ver.di-Mitgliedern ist für mich schon sehr erschütternd. Wenn die Gewerkschaften jedoch so weiter denken und handeln wie bisher, halte ich ein solches Verhalten im Jahre 20xx für sehr nahe an der Wirklichkeit.

Das Seminar war sehr theoriebefrachtet und hätte meines Erachtens eher den Titel Wie funktionieren unsere sozialen Sicherungssysteme verdient.

Mein Wunsch nach einem Austausch über die beruflichen Erfahrungen der Teilnehmer aus ihren Berufsfeldern wurde von den Teamern mit dem Zeitargument in die Verbannung geschickt und fand bei den übrigen Teilnehmern leider keine Zustimmung.

Schon während des Seminars war mir aufgefallen, dass grundsätzlich systemimmanent diskutiert und kein Blick über den Tellerrand hinaus gewagt wurde – z.B. Formen von Parallelgesellschaften, Schaffung von sozialer Sicherheit für Alle. Es gibt da bestimmt noch viele Möglichkeiten, mit denen ich mich bisher auch noch nicht beschäftigt habe.

Das wäre mit Sicherheit ein Ansatzpunkt für die Gewerkschaften, wieder zu ihrer Basis zurück zu finden und das Wohl aller Mitglieder ins Zentrum ihres Denkens und Handelns zu stellen.

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