Mittwoch, 19. Dezember 2007

Ausgebrannt

Das Gefühl des Ausgebranntseins – oft auch als Burn-out-Syndrom bezeichnet – ist meines Erachtens weder ein Alters- noch ein Berufsproblem. Es kann Menschen jeglichen Alters, aller Berufs- und sozialen Gruppen treffen:

Vielen Kindern schon wird ihre Kindheit genommen, weil sie bereits im Vorschulalter (ein verräterischer Begriff) unter Leistungsdruck gesetzt werden. Sie haben dadurch oft keine oder nur geringe Möglichkeiten, sich sozial und persönlich zu entwickeln.

Dieses Leistungsdiktat wird dann in der Schule fortgesetzt, wo unerfahrene Bürokraten die Macht haben, die Kinder und engagierte Lehrer und Schulleitungen mit Zentralismus (z.B. Zentralabitur) und Kopfnoten vom eigentlichen Sinn der Schule fern zu halten. Und der wichtigste Leitsatz für Schulen lautet auch noch heute Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir. Ich habe häufig den Eindruck, dass beide Möglichkeiten nicht wahrgenommen werden. Vielmehr werden die Kinder schon vor ihrem Schulleben auf Unterwürfigkeit in der (späteren) Berufswelt getrimmt – sofern sie überhaupt noch Arbeit finden werden.

Auch die Menschen, die noch in Arbeit sind, stehen tagtäglich unter Leistungsdruck, die Arbeit mit bewältigen zu müssen, für die im Grunde von der Arbeitsmenge und von den Unternehmergewinnen her neue Arbeitskräfte eingestellt werden müssten. Sie sind oft gezwungen, sich unter Wert zu verkaufen – prekäre Arbeitsverhältnisse, ergänzendes Arbeitslosengeld 2, mehrere 400 Euro-Jobs -, um sich und ihre Familien ernähren zu können.

Ich unterscheide sehr wohl zwischen den Unternehmern und Unternehmen, die irrsinnige Gewinne machen und ihre Manager über bezahlen können – und den Kleinunternehmern, die genau wie der Kleine Mann tagtäglich um ihr Überleben und in der Regel gegen die Bürokraten kämpfen müssen, die Risiko von ihnen erwarten, aber dieses Risiko dann mit allen Mitteln ihrer Allmacht zu verhindern wissen.

Die arbeitslosen Menschen, die von Arbeitslosengeld 2 leben müssen, verfügen einerseits zwar über ein großes Vermögen an Zeit, das sie andererseits oft nicht nutzen können, weil sie gegen Bürokratie, Zwangsmaßnahmen der Ämter und für das eigene und das Über-Leben ihrer Familien kämpfen müssen. Diejenigen von ihnen, die von den Ämtern auch als Menschen mit eigenen Lebenserfahrungen akzeptiert und behandelt werden, sind vermutlich in der Minderzahl. Nicht vergessen werden darf in diesem Zusammenhang, dass langzeitarbeitslose Menschen nach wie vor von vielen Menschen, von den Behörden und den Unternehmen ausgegrenzt werden, weil sie angeblich nicht leistungsfähig sind.

Ich möchte einmal den gut dotierten Politiker sehen, der ein solches Leben zu führen imstande wäre. Sie sind noch nicht einmal imstande und auch nicht willens, sich ernsthaft mit der seelischen, finanziellen und sozialen Lage von Arbeitslosen intensiv zu beschäftigen. Von den Managern ganz zu schweigen, die für die Vernichtung von Menschen mit Millionen bezahlt werden – oder sollte ich sagen, sich selbst bezahlen?!?

Nach meiner Beobachtung und Wahrnehmung wird das Problems des Ausgebranntseins auch heute gesellschaftlich noch nicht genügend gewürdigt! Es reicht nicht, in Tarifkämpfen nur finanzielle Forderungen zu stellen und zu verdrängen, dass es auch noch Menschen gibt, die sich vergeblich um Arbeit bemühen. Es reicht auch nicht, die durch Hartz 4 oder genauer die durch die Hartz-Gesetze verursachte Armut von Kindern und Erwachsenen zu bedauern und lediglich "Korrekturen" zu fordern.

Wer ehrlich Armut bekämpfen will, muss für die Abschaffung der Hartz-Gesetze, die spürbare Erhöhung der Renten, die Abschaffung prekärer Arbeitsverhältnisse und den Erhalt und Ausbau unseres Sozialstaates, den es zumindest vom sprachlichen Ansatz her noch gibt, eintreten.

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